Netzwerk Herkunftseltern
Rabenmütter ziehen fremde Kinder auf

Info-Box

Klare Zielsetzungen für Herkunftsfamilien.

Familienarbeit fängt an, wenn es erwünscht ist.

Raben haben ein sehr stark ausgeprägtes Sozialverhalten. Sie ziehen fremde Brut auf und verlangen keinerlei Vergütung dafür.

Nanina Sefzig

Nanina Sefzig
(Diplom Pädagogin)

Nanina Sefzig

Als meine Ehe scheiterte, war das jüngste meiner drei Kinder drei Monate und ich 24 Jahre alt.

Da mein Mann bis heute keinerlei Unterhalt für mich und meine Kinder zahlt, bezog ich Sozialhilfe. Um für mich und meine Familie zumindest langfristig eine Perspektive zu sehen beschloss ich, das Abitur nachzuholen. Nach zwei Jahren hatte ich dann auch endlich zwei Plätze in einer KiTa gefunden. Zwischenzeitlich hatte ich mich in einen Mann verliebt und dann auch wieder getrennt, weil er keinen Bezug zu meinen Kindern hatte.

Mein Leben und das meiner Kinder veränderte sich grundlegend, als für mich das Schuljahr begann, darauf schob ich dann auch die Tatsache, das ich meine Regel im Vergleich zu vorher nur noch schwach bekam.

Als ich irgendwann zum Gynäkologen ging und die Schwangerschaft festgestellt wurde, war ich bereits Ende des 4. Monats. Ein Abbruch kam also nicht in Frage.

Ich überlegte hin und her, wie ich es schaffen könnte, mein Baby aufzuziehen.

Als Mutter von drei Kindern lebte ich von Schülerbafög, Wohngeld, Kindergeld und einem 630 DM-Job in einer viel zu kleinen Wohnung. Wie hoch die Chance war, unter diesen Voraussetzungen eine andere Wohnung zu bekommen, war mir klar.

Zwei Jahre hatte ich auf die zwei KiTa-Plätze gewartet. Unwahrscheinlich, noch einen für einen Säugling zu ergattern und - wollte ich das überhaupt? Ein Baby den ganzen Tag in einer Tagesstätte? Meiner Ansicht nach brauchen Kinder in den ersten 2 bis 3 Jahren eine feste Bezugsperson. Dies kann weder durch eine Tagesmutter noch in einer Tagesstätte gewährleistet werden. Meinem Baby wollte ich auch nicht unseren neuen Lebensrhythmus überstülpen.

Alternative: Noch ein paar Jahre Sozialhilfe, zum Sterben zuviel, zum Leben zu wenig. Wieder und wieder das "Nein" zu den kleinen, bescheidenen Wünschen der Kinder.

Vielleicht lag es daran, dass ich wusste, was das Leben mit kleinen Kindern ausmachte, was sie brauchten und das war erheblich mehr als Liebe!

Schweren Herzens beschloss ich, diesem Baby das Leben zu ermöglichen, das ich ihm gern ermöglicht hätte: Bei Adoptiveltern.

Ich ging damals zur Caritas und teilte ihnen meinen Entschluss mit, bestand aber darauf, mein Baby im Krankenhaus bei mir zu behalten und es erst am Tag meiner Entlassung an die neuen Eltern zu übergeben. Ich wollte mich von meinem Kind verabschieden und auch seine Geschwister sollten die Möglichkeit haben.
Jaqueline, so nannte ich meine Tochter, behielt ich bis zu diesem Zeitpunkt Tag und Nacht in meinem Bett. Unnötig zu beschreiben, was in mir vorging!

Nach 8 Wochen dann der Termin beim Notar. Zunächst weigerte ich mich, den Vertrag zu unterschreiben, weil er meine mir zugesagten Bedingungen, ca. 2mal im Jahr Fotos und einen Brief von den neuen Eltern, nicht enthielt. Sowohl der Notar als auch die beiden Caritasdamen sicherten mir aber zu, dass die Adoptiveltern dies zugesagt hätten und diese Abmachung bindend sei. Ratet, was passiert ist?

Ich habe nie Fotos oder Briefe bekommen, weil die Adoptiveltern das angeblich plötzlich nicht mehr wollten und auch meine Bitte, meine Adresse an andere Herkunftsmütter weiterzugeben wurde zwar für gut befunden, letztendlich hieß es dann aber immer: "Die Frauen haben kein Interesse!"

Ich war erst traurig und verzweifelt, dann wütend. Erst recht, als ich mich nach 5 Jahren überwand, meinen Gynäkologen nach meiner Tochter zu fragen. Ich verstand mich gut mit ihm und als ich ihm damals von der bevorstehenden Adoption erzählte, bat er mich, mein Kind einem mit ihm befreundeten Ehepaar anzuvertrauen. Sie wären mir sympathisch, sagte er und da sie ganz regulär auf der Adoptionsliste standen, hatte ich der Caritas mitgeteilt, dass die Eltern mein Kind bekommen sollten, die mein Arzt ihnen benennen würde. Dieser wollte aber nicht, dass dieses Ehepaar erfuhr, welche Rolle er dabei gespielt hatte. Sie wussten jedoch, dass er mich aus seiner Praxis kannte.

Es hat immerhin 5 Jahre gedauert, bis ich mich überwand, ihn zu fragen, ich wollte ihn nicht in Loyalitätskonflikte bringen. Typisch Herkunftsmutter! Schuldgefühle und der Glaube, nicht mal ein Recht auf Information zu haben!

Könnt ihr euch vorstellen, wie entsetzt ich war, als mein Arzt mir davon erzählte, wie oft ihn die Adoptiveltern danach gefragt hatten, ob er etwas neues von mir wisse. Ich hätte nie wieder etwas von mir hören lassen, dabei hatte ich doch Kontakt gewollt!

Die Caritas wisse auch nichts und vermute, ich wolle einfach nur vergessen!

Ich weiß nicht, wie viele Briefe an die Adoptiveltern ich der Caritas übergeben hatte, wie oft ich dort angerufen und auch vor der Tür gestanden hatte, bis ich resignierte!

Ich bemühte mich auch weiterhin, in Kontakt zu anderen Herkunftsmüttern zu kommen, was bekanntermaßen von niemandem unterstützt wird. Mittlerweile hatte ich mein Abitur, Studium und Zusatzausbildung zur Familientherapeutin absolviert. Im Nachhinein weiß ich nicht mehr, wie ich das alles geschafft habe: Halbtagsjob, Studium, 3 Kinder und Haushalt ... Es ging jedenfalls.

Jaqueline, mittlerweile 14 Jahre alt, war und ist in meinem und dem Leben ihrer Geschwister präsent. Wir hoffen, dass wir sie irgendwann einmal kennenlernen!
Ich stehe auch heute noch hinter meinem Entschluss. Es war unter den damaligen Umständen das Beste für mein Kind und das gab und gibt mir die Kraft, mit diesem Entschluss zu leben, ohne mich schuldig zu fühlen.

Mit meiner Arbeit als Vorstandsfrau für das Netzwerk will ich einen Beitrag dazu leisten, dass Herkunftseltern künftig eine Anlaufstelle haben, ihnen meine Isolation und Hilflosigkeit erspart bleibt. Ebenso ist es meine tiefste Überzeugung, dass alle Seiten des Adoptionsvielecks und dabei vor allem die Kinder, von mehr Offenheit und Transparenz profitieren.

Als Therapeutin erlebe ich ständig, wie grundlegend die Verletzungen von Menschen sind, die sich von ihren Eltern nicht geliebt glauben, abgelehnt fühlen. Auch die liebevollsten Adoptiv- und Pflegeeltern können dies nicht ausgleichen. Die schlimmsten Wahrheiten sind für die Kinder besser zu verkraften, als die Phantasie darüber, warum die eigenen Eltern es wohl "nicht haben wollten".

Wenn Fachleute und annehmende Eltern erkennen, dass sie mit Schweigen gravierendere Schäden bei ihrem Kind anrichten, als mit kindgerechter, behutsamer Offenheit, würde aus dem Adoptiv-, Pflegeeltern- und Institutionswohl, eher ein Kindeswohl.

Wer begreift, dass Menschen nur das weitergeben können, was sie selbst erfahren haben und, dass es in unserem Staat Lebensbedingungen gibt, die Menschen verzweifeln, scheitern und durchs soziale Netz fallen lassen, kann "seinem" Kind durchaus erklären, warum es nicht bei seinen leiblichen Eltern aufwachsen kann.
Herkunftseltern, die sich entscheiden, ihr Kind bei anderen Eltern aufwachsen zu lassen, beweisen ein hohes Maß an verantwortungsbewusster Elternschaft. Sie nehmen Verzicht, Schuldgefühle, Diskriminierung, Trauer und lebenslangen Schmerz auf sich, um ihrem Kind ein Leben zu ermöglichen, wie sie es ihm wünschen und, aus den verschiedensten Gründen, selbst nicht ermöglichen können.

Diese Sichtweise möchte ich durch meine Arbeit sowie Öffentlichkeitsarbeit Institutionen, Adoptiv- und Pflegeeltern, vor allem aber erwachsenen Adoptierten und Herkunftseltern nahe bringen!

Dabei kann ich und können wir alle anderen jede Hilfe gebrauchen!