
Klare Zielsetzungen für Herkunftsfamilien.
Familienarbeit fängt an, wenn es erwünscht ist.
Raben haben ein sehr stark ausgeprägtes Sozialverhalten. Sie ziehen fremde Brut auf und verlangen keinerlei Vergütung dafür.
Dieses beiden Bücher sind zur Zeit meine absoluten Lieblingsbücher, denn sie machen innere Haltungen bewusst. (M. Born)
Im September 1958 erblickte ich das Licht dieser Welt. Aufgewachsen und zur Schule gegangen bin ich in Niedersachsen. Dort habe ich auch meine beiden Söhne 1978 und 1980 entbunden.
Im Mai 1980 kamen beide Söhne in eine Pflegefamilie. Die Pflegeeltern haben sie später adoptiert. Es geschah gänzlich ohne Vorankündigung und Vorbereitung, so dass wir drei sehr geschockt waren. Wir konnten uns nicht verabschieden - sprich ich konnte meine Söhne nicht darauf vorbereiten, dass sie bei anderen Menschen leben würden.
Nachdem meine Kinder und ich getrennt wurden haben wir zuerst eine 3-monatige und nach weiteren 5 Jahren eine totale Kontaktsperre erhalten. Es sind viele Jahre ins Land gezogen ehe wir uns wiedergesehen haben. Meine Söhne sind mittlerweile erwachsene Männer und sie haben ihre eigenen Lebenspläne.
Die Trennung von meinen beiden Söhnen ist mir sehr schwer gefallen und auch sie mussten sich an eine neue Situation gewöhnen. Neue Menschen, neue Umgebung, neue Erziehungsmethoden - es war einfach alles neu für die beiden sehr jungen Menschen. Wenn ich mir überlege, was kleinen Kindern in solchen Situationen abverlangt wird, stelle ich gern meine Trauer, Wut, Ratlosigkeit und all die anderen Emotionen, die ich hatte, weit in den Hintergrund, denn ich als Erwachsene hätte mir professionelle Hilfe holen können, doch wie drücken sich Kinder aus, auch Kinder, die noch nicht sprechen können.
Obwohl ich nicht wusste, was ich machen konnte, wurde mir von der zuständigen Sozialarbeiterin vermittelt, dass ich meine Kinder nur unter der Prämisse wieder bekommen würde, wenn ich einen Mann hätte, der ein ausreichendes Einkommen hat, ein Haus mit Garten besitzt sowie 2 Autos. Eines für ihn und eines für mich. Dies Vorstellung der Sozialarbeiterin zeigt natürlich was für Gedanken dem "Kindeswohl" vorgeschaltet waren, doch wie hätte ich das damals verstehen können.
Ich hatte ja den großen Vorteil, dass ich meine Kinder 5 Jahre lang besuchen durfte, doch als die Pflegeeltern die Kinder dann adoptierten, wollten sie keine Besuche mehr von mir. Ich habe es schweren Herzens akzeptiert. Als ich später meine Kinder wiedertraf sagten sie mir, dass sie es mit Bestürzung zur Kenntnis genommen haben, dass ich nicht mehr kommen würde. Auf gut Deutsch heißt dass für meine Kinder und füür mich natürlich auch, zweimal getrennt, ganz ohne Vorbereitung, weil die Entscheidung von Menschen getroffen wurde, die eigentlich nichts anderes als ihre eigene Ruhe in den Vordergrund gestellt haben. Sie haben es natürlich immer mit den Worten "die Kinder müssen zur Ruhe kommen" umschrieben.
Die Mauer, die mir im Weg stand wurde für mich immer höher, wie hätte ich darüber schauen können. Ich habe mich also gänzlich neu orientiert und mich über viele Jahre für Frauen ganz allgemein und später für Herkunftsfamilien eingesetzt. Ich habe mir Familiensituationen angesehen, Lebensperspektiven entwickelt und anderen geholfen selbst auch Perspektiven zu entwickeln.
Das ist der Grund, warum ich mich entschieden habe, einen Aspekt meines Lebens der Sozialarbeit zu widmen. Hier speziell den Herkunftsfamilien, denn der Umgang mit den Herkunftsfamilien ist nach wie vor ein großes Phänomen udn auch Phantom der Kinder- und Jugendhilfe, der Familienarbeit.
Ich hatte meine Antennen immer auf Empfang und bin als ich in Berlin lebte, zu einem Treffen von "Raupe und Schmetterling" von Annelie Schulz gegangen. Dort habe ich Frauen getroffen und kennengelernt, die Kinder angenommen hatten aber hauptsächlich erwachsene Adoptierte. Ich bin hellwach geworden und habe die einzelnen Fäden für mich zusammengeknüpft, wie das Spinster und Webster so machen. Mein Quilt wurde immer bunter und farbenfroher.
Zwischenzeitlich haben neun weitere Herkunftsmütter und ich 1998 den bundesweiten Verein Netzwerk Herkunftseltern gegründet. Wir haben sehr viel in der Jugendhilfe bewirkt. Den Verein gibt es mittlerweile nicht mehr, doch Frau Sefzig und ich führen die Interessen der Herkunftsfamilien weiter und freuen uns über fachkompetente Auseinandersetzungen zu dem Themenkomplex "Herkunftsfamilien in der Jugendhilfe".
Neben Vorurteilen und Stigmatisierungen gibt es allerdings mehr und mehr Ansätze in der sozialen Arbeit, Pädagogik, Psychologie und vielen anderen Disziplinen, die sich progressiv mit der Thematik der Herkunftsfamilien befassen und moderne Konzepte anbieten - leider gibt es viel zu wenig moderne Ansätze. Doch ich möchte nicht verschweigen, dass ich mich sehr freue und glücklich darüber bin, dass es Projekte gibt, die positive Arbeit mit den Herkunftsfamilien durchführen.
In den 10 Jahren, die ich als Vorstandsfrau von Netzwerk Herkunftseltern e.V. und später von Netzwerk Herkunftseltern an der Entwicklung und Arbeit mit Herkunftsfamilien deutschlandweit teilhaben durfte, hat sich viel etabliert.
Die Profis aus der Jugendhilfe und die anderer Disziplinen haben tolle Konzepte geschrieben und danach gearbeitet, doch so einfache Dinge wie:
Ich weiß, es gibt noch sehr viel zu tun und ich habe lange in den vordersten Linien gearbeitet, meist ohne Bezahlung, weil wir keine finanzielle Unterstützung erhalten haben. Trotzdem habe ich immer versucht in den Familien und wenn möglich bei den fremduntergebrachten Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterstützend zu arbeiten. Dabei war mir eine eindeutige Haltung extrem wichtig, denn ich habe selten so viele professionelle "JEINS" gehört, wie gerade in dieser Arbeit.
Die Haltung ist eine Orientierung für Herkunftsfamilien und deren Kinder. Denn Kindeswohl kann nur dort stattfinden, wo klare Haltungen und Absprachen getroffen werden und immer wieder gemeinsam geschaut wird, ob diese Haltung und Absprachen eingehalten werden. Gegebenenfalls müssen Modifizierungen durchgeführt werden. Dies muss allerdings immer miteinander passieren und meine Erfahrung sagt mir, dass klar fixierte Vereinbarungen dabei sehr hilfreich sind.
Marlies Born